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Alt 16.10.2021, 09:50   #2551
Der Zerquetscher
Moderator
 
Registriert seit: 21.05.2002
Beiträge: 9.942
Version Zero (von David Yoon)

Was braucht es zum "beststelling author" der New York Times? Nicht allzu viel offenbar. Langweilig und sprachlich holperig wird hier die Geschichte einiger Hacker erzählt, die sich dem lobenswerten Kampf gegen Hetze und Trollerei im Netz verschreiben und die (erfundenen aber freilich verdeckt adressierten echten) Großkonzerne des Netzes zu Fall bringen wollen. Schade allerdings, dass sich die überraschungsarme Geschichte allein auf die Wucht von ein bisschen Moralisieren auf Schulreferat-Niveau verlässt - und nicht etwa auf dichtes Erzählen oder Suspense. Für mich der schwächste Roman seit Jahren. Ich sollte wirklich aufhören, in der Buchhandlung spontan und blind zu kaufen. Und vielleicht sollte ich auch mal aufhören, ein Buch unbedingt bis zum Ende lesen zu wollen.

Der Hundertjährige Krieg (Curry, Anne)

Ein konzise und leicht verständlich geschriebener Abriss des längsten Konflikts der europäischen Geschichte. Schwer zu empfehlen als Prüfungsvorbereitung oder schnell aufgesaugtes Wissen über einen Krieg, der der französischen Zivilbevölkerung die schlimmste fremdländische Soldateska ihrer Geschichte bescheren sollte. Crécy, Poitiers, Agincourt - Namen, die jedem gebildeten Engländer und Franzosen ein Begriff sind. Dringender Tipp für jeden und jede, der/die sich nicht die Zeit nehmen möchte, den natürlich ungleich illustren "Fernen Spiegel" zum Thema zu lesen.

Die Armeen des 100-Järigen Krieges (Knight, Paul, u.a.)

Und weil die Welt bunt einfach noch schöner ist - etwas Illustration dazu.
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Die Entschleierung der Wahrheit ist ohne die Divergenz der Meinungen nicht denkbar.

Alexander von Humboldt
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Alt 17.10.2021, 18:41   #2552
Duke of Bridgewater
Schädelbasisbruch
 
Registriert seit: 06.01.2010
Beiträge: 1.412
Die Akte Odessa (Frederick Forsyth)

Das Buch ist (und lässt mich) zwiegespalten. Das Tagebuch des verstorbenen KZ-Häftlings wirkt wie ein Schlag in die Magengrube. Gut beschrieben sind auch die Hindernisse, auf die der Journalist bei der Suche stößt, und die Erklärung des Chefredakteurs, warum man in Deutschland so eine Story nicht verkaufen kann.

Die Beschreibung des Konflikts um die ägytischen Raketen ist interessant, passt aber vom Stil her nicht so recht. Ich denke, Forsyth hätte diesen Handlungsstrang an eine Person (am besten den Mossad-Agenten, der am Ende zur Rettung kommt) koppeln und chronologisch erzählen sollen. Auch stört es etwas, dass da schon Ereignisse einfließen, die nach der Geschichte stattfanden, etwa der Sechstagekrieg.

Doch dann, nachdem der Held mit seinen Ermittlungen bis zu Simon Wiesenthal gekommen ist, wird die Geschichte zusehends unglaubwürdig. Von Anfang an ist der Journalist ja an den Filmhelden der sechziger Jahre orientiert, mit schnellem Sportwagen und vollbusiger Freundin. Jetzt wird er im Schnellkurs zum Undercoveragenten trainiert und soll als flüchtiger SS-Mann durchgehen.

Obwohl sowohl die ODESSA als auch die mit dem Mossad verbündete jüdische Untergrundorganisation anscheinend überall Helfer haben, die sie nur anzurufen brauchen, sind der Held und der Profikiller auf sich allein gestellt, wenn es die Dramaturgie erfordert. (Killer Mackensen gehört zur Sorte "Wenn der der beste ist, wie arbeiten dann die anderen?", die man in Filmen recht oft findet.)

Mit dem Fälscher Winzer hat man dann wieder einen interessanten Charakter, verschwendet ihn aber. Wie seine Geschichte endet, ergibt für mich keinen Sinn. Es folgt ein filmreifes Actionfinale, aber ein Buch ist eben kein Film.

So hat das Buch für mich stark angefangen, aber dann leider stark nachgelassen.
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Alt 26.10.2021, 13:47   #2553
Nani
Höllen-Rentner
 
Registriert seit: 02.12.2003
Beiträge: 14.285
Naheli's Sacrifice (Rabea Scholz/nur verfügbar in Englisch)

Das Buch spielt in einer fiktiven Welt und beginnt sieben Tage, bevor die Hauptrolle (Naheli) der hiesigen Meergöttin geopfert werden soll. Dabei pendelt die Geschichte im Dreieck zwischen der Ergründung der religiös-gesellschaftlichen Hintergründe, dem Thema "Unterdrückung von Gefühlen" und der Emanzipation des Hauptcharakters, die streng in einer starren Gesellschaftsordnung erzogen wurde.

Ist nicht gerade das, was ich normalerweise lese (ist ein Buch aus dem Freundeskreis). Für mich persönlich hat sich das Experiment aber ausgezahlt. Sprachlich ist das Buch hervorragend. Die Geschichte ist dramaturgisch gut aufgebaut und nicht stereotyp, wartet immer mal wieder mit coolen Idee auf.
Auf der anderen Seite beschäftigt sich der Roman sehr mit den Feinheiten von Nahelis Innenleben, ist daher phasenweise melancholisch und spielt mit dem Gefühl der Machtlosigkeit des Einzelnen zwischen den Zahnrädern der Tradition.

Alles in allem jedoch eine gute Lektüre in einer ruhigen, feinsinnigen Stimmung, bei der man nicht von Seite 12 an weiß, was am Ende passiert.

Geändert von Nani (26.10.2021 um 13:49 Uhr).
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Alt 05.11.2021, 19:23   #2554
Duke of Bridgewater
Schädelbasisbruch
 
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Beiträge: 1.412
Schockwelle (Colin Forbes)

Der Agententhriller ist 1990 erschienen und spielt kurz vor der Wende, die hier aber noch keine Rolle spielt. (Gorbatschow wird zwar erwähnt, aber mit Breshnev oder Stalin wäre auch nichts anders gelaufen.) Das Buch bekam fast nur gute Kritiken, die ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann.

Dem britschen Geheimagenten Tweed wird ein Mord untergeschoben, er flieht durch das verschneite Europa nach Freiburg, in den Schwarzwald und die Schweiz. Hilfe bekommt er von seiner Assistentin Paula, dem Journalisen Newman und diversen hochrangigen Polizisten. Darunter ist ein Hauptkomissar Kuhlmann, ein ganz hohes Tier im BKA. Ich glaube, Dienstränge hat der Autor nur so mittelgut recherchiert.

Gegenspieler ist sein Vorgesetzter, der Minister Buckmaster, der auch eine riesige und hochverschuldete Sicherheitsfirma besitzt. Dieser und auch sonst jeder Mitarbeiter von "World Security" ist absolut skrupellos und hat keinerlei positive Eigenschaften. Dass die Firma hinter der Verschwöung steckt, muss man nicht einmal ahnen, man bekommt es erzählt.

Man holt auch noch den Profikiller Horowitz dazu, will Tweed auf der Flucht töten und es wie einen Unfall aussehen lassen. Als erstes provoziert Horowitz eine Massenkarambolage, bei der sechzehn Verfolger, je zur Hälfte von World Security und dem BKA sterben. Das scheint aber keine der beiden Seiten groß zu jucken. (Kuhlmann ist mir auch nicht sympathischer als Buckmaster.)

So nach und nach finden Tweed und Co. heraus, dass es um ein wichtiges Verteidigungssystem geht, dass gerade von Amerika nach England unterwegs ist. Da Tweed jetzt nicht mehr im Funkkontakt zum Schiff steht, können Buckmasters Söldner es kapern, alle außer dem Funker töten und sich dann mit dem Schiff in Richtung eines russischen Kriegsschiffes bewegen, um das Ding zu verkaufen und damit World Security zu sanieren. (Nicht, dass Tweed am Funkgerät in London daran etwas hätte ändern können.)

Nachdem Tweed in der Schweiz die nötigen Beweise seiner Unschuld gefunden hat, geht es zurück nach England. Obwohl es weitere Mordanschläge mit sehr vielen Toten gab, beschließt man, mit dem Auto durch Deutschland zu fahren, den Hinterhalt mit Waffengewalt zu durchbrechen und dabei möglichst viele Bösewichte auszuschalten. Das schafft man auch, verliert aber wieder etliche Polizisten, was keinen juckt.

Superkiller Horowitz glänzt dabei mit Coolness und zeigt immer wieder, wie professionell er ist und wie dämlich dagegen die World-Security-Typen agieren. Dabei bringt er selbst auch nichts auf die Reihe und stirbt am Ende wie die ganzen namenlosen Helfer. (Apropos Helfer: Horowitz bekommt eine schöne Assistentin an die Seite gestellt, die nichts tut und später wieder nachhause fährt, da er sie doch nicht braucht. Stattdessen wird ein Mann als Hundeführer eingeführt und steigt auf unerklärliche Weise zum allein arbeitenden Killer und hochrangigen World-Security-Mann auf, um sich auf dem Flugplatz vom Journalisten Newman abmurksen zu lassen.)

Das gekaperte Schiff wird rechtzeitig von den Amerikanern versenkt, alle Bösen sterben, nur der gute Funker schafft es, zu überleben. In der Folge geht World Security Pleite und eine Verbündeter Tweeds schafft es, Buckmaster mittels eines provozierten Autounfalls zu töten, wodurch der Regierung ein Skandal erspart bleibt. (Buckmasters Ehefrau, Buchhalter und sonstige Nebenstränge spare ich mir mal.)

Zu allem Überfluss ist die Auflösung, dass auf dem Schiff nur eine Attrappe war und Tweed in Absprache mit der Premierministerin das alles inszenierte, um den korrupten Minister zu entlarven. Hätte man Buckmaster nicht einfach feuern können? Dann wären ein paar Dutzend Unschuldige nicht gestorben.

War mir Agent Tweed am Anfang nur gleichgültig, so hasste ich ihn zum Schluss.


Kennt zufällig jemand weitere Werke der Reihe und kann mir erklären, was ich verpasst habe?
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Alt 05.11.2021, 22:50   #2555
Punisher 3:16
Genickbruch
 
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Beiträge: 14.649
Frank Sieren: Zukunft? China!

Gut geschrieben, auch mit einer Prise Humor, leider ist da aber wenig neues für mich drin.
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Einige Vögel sind nicht dazu geschaffen, eingesperrt zu werden. Sie haben ein zu glänzendes Gefieder und wenn sie davonfliegen, dann jubelt der Teil in mir, der weiss, dass es eine Sünde war, sie einzusperren. Trotzem ist es da wo man ist, trauriger und leerer, wenn sie weg sind.
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Alt 06.11.2021, 21:18   #2556
Nani
Höllen-Rentner
 
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Beiträge: 14.285
Zitat:
Zitat von Punisher 3:16 Beitrag anzeigen
Frank Sieren: Zukunft? China!

Gut geschrieben, auch mit einer Prise Humor, leider ist da aber wenig neues für mich drin.
Erinnert mich an den Vortrag eines Zukunftswissenschaftlers vor ein paar Jahren. Der hat die Dominanz Chinas hinterfragt, u.a. da ihnen ein gewaltiges Generationenproblem bevorsteht und die wandelnde Gesellschaft auch politische Sprengkraft in sich birgt.

War das im Buch ebenfalls Thema, oder ging es eher um die vielen Facetten der ökonomischen Macht? Wäre zwar durchaus berechtigt, aber auch einseitig.

Geändert von Nani (06.11.2021 um 21:18 Uhr).
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Alt 08.11.2021, 11:14   #2557
Punisher 3:16
Genickbruch
 
Registriert seit: 11.10.2002
Beiträge: 14.649
In dem Buch geht es hauptsächlich um Themen wie Wirtschaft, Technologie und Innovation und wie sich das auf den Westen auswirkt. Ein Kapitel befasst sich auch mit Geopolitik, hauptsächlich mit China und seinen Nachbarn. All das war nicht neu für mich, da ich mich intensiv mit Ost- und Südost Asien befasse. Für Neueinsteiger in das Thema könnte das Buch aber interessant sein.
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Alt 15.11.2021, 18:47   #2558
Duke of Bridgewater
Schädelbasisbruch
 
Registriert seit: 06.01.2010
Beiträge: 1.412
Ziemlich das Gegenteil zur kürzlich von mir verrissenen "Schockwelle" ist der Thriller

Tricky von James W. Bennetts.

Hier geht es um einen smarten Gauner, der mittels Identitätsdiebstahls fremde Konten leerräumt. Diesmal stahl er allerdings die Identität eines Kronzeugen im Zeugenschutzprogramm und zieht damit die Aufmerkamkeit jener auf sich, die diesen unbedingt zum Schweigen bringen wollen.

Der Autor ist eigentlich Computerexperte und dies ist sein Erstlingswerk (Ich weiß gar nicht, ob weitere folgten. Es wäre wünschenswert, aber ich habe nichts gefunden.)

Er schafft es, den Antihelden so zu gestalten, dass ich mit ihm mitfiebere, ohne dass ich sein Tun irgendwie billige. Und das, ohne die Gegenspieler besonders unsympathisch zu gestalten. Man nimmt die Figuren als echte Menschen wahr, selbst wenn es Profikiller sind, die daran verzweifeln, dass der Aufgespürte nicht der ist, der er zu sein scheint, und sie sich genau wie die Ermittler mit mangelhaften Informationen herumschlagen müssen.

Selbst der böse Hintermann ist ein Getriebener, dem alles wegzubrechen droht. Der Zeuge und seine Ehefrau liefern sich Geplänkel, während die schöne neue Identität und der Rest des ergaunerten Geldes verloren gehen. Auch Nebenfiguren wie ein Streifenpolizist sind gut gestaltet. Nur die Kriminalistin, die sich am FBI vorbei durch den Fall fitzt, ist vielleicht etwas zu perfekt geraten.

Das Buch geht nicht zu sehr in die Details des Identitätsdiebstahls. Das ist veilleicht ein Makel, aber mich störte es nicht. Ich kann das Buch, das 2007 erschien, nur empfehlen.
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