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Alt 17.10.2021, 17:41   #2552
Duke of Bridgewater
Schädelbasisbruch
 
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Die Akte Odessa (Frederick Forsyth)

Das Buch ist (und lässt mich) zwiegespalten. Das Tagebuch des verstorbenen KZ-Häftlings wirkt wie ein Schlag in die Magengrube. Gut beschrieben sind auch die Hindernisse, auf die der Journalist bei der Suche stößt, und die Erklärung des Chefredakteurs, warum man in Deutschland so eine Story nicht verkaufen kann.

Die Beschreibung des Konflikts um die ägytischen Raketen ist interessant, passt aber vom Stil her nicht so recht. Ich denke, Forsyth hätte diesen Handlungsstrang an eine Person (am besten den Mossad-Agenten, der am Ende zur Rettung kommt) koppeln und chronologisch erzählen sollen. Auch stört es etwas, dass da schon Ereignisse einfließen, die nach der Geschichte stattfanden, etwa der Sechstagekrieg.

Doch dann, nachdem der Held mit seinen Ermittlungen bis zu Simon Wiesenthal gekommen ist, wird die Geschichte zusehends unglaubwürdig. Von Anfang an ist der Journalist ja an den Filmhelden der sechziger Jahre orientiert, mit schnellem Sportwagen und vollbusiger Freundin. Jetzt wird er im Schnellkurs zum Undercoveragenten trainiert und soll als flüchtiger SS-Mann durchgehen.

Obwohl sowohl die ODESSA als auch die mit dem Mossad verbündete jüdische Untergrundorganisation anscheinend überall Helfer haben, die sie nur anzurufen brauchen, sind der Held und der Profikiller auf sich allein gestellt, wenn es die Dramaturgie erfordert. (Killer Mackensen gehört zur Sorte "Wenn der der beste ist, wie arbeiten dann die anderen?", die man in Filmen recht oft findet.)

Mit dem Fälscher Winzer hat man dann wieder einen interessanten Charakter, verschwendet ihn aber. Wie seine Geschichte endet, ergibt für mich keinen Sinn. Es folgt ein filmreifes Actionfinale, aber ein Buch ist eben kein Film.

So hat das Buch für mich stark angefangen, aber dann leider stark nachgelassen.
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