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Alt 03.01.2022, 22:27   #23560
Der Zerquetscher
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Ui, da habe ich in ein Hornissennest gestochen. Äh, gefasst.

Dieser Schotte wurde mir vor ein paar Wochen empfohlen und ich, für mich, muss einfach sagen, der Typ trifft die Malaise des modernen Kinos voll auf den Kopf. Der Kniff, den letzten Star Wars mit einem dreißig Jahre alten B-Horrorfilm zu vergleichen (Gut, der war im Kino, aber er ist trotzdem B), ist rotzfrech. Und clever. Denn er führt vor Augen, dass selbst ein random B-Horrorfilm vor dreißig Jahren besser geschrieben, sprich in seiner Textur gewiefter geknüpft wurde als ein unzählige Millionen schwerer Blockbuster von heute. Dabei müsste der der Bezahlung nach ganz andere Leute am Start haben als ein kleiner Horrorfilm. Das Ding ist, die haben sie auch bestimmt. Aber die dürfen nicht. Oder sollen nicht. Denn dem Publikum traut man von Seite der Filmfirmen her offenbar nicht mehr zu, Subtiles, Zwischenzeiliges oder Verstecktes zu erkennen oder zu verstehen oder narrativ Elegantes zu goutieren. Dem Zuschauer wird heute jede Storyabbiegung mit dem Plakat vor den Augen angekündigt. Alles verbal erklärt. Raffinessen oder Feinsinniges findet man bei den großen Dingern nicht mehr. Es gibt noch tolle Filme im Kino. Das stimmt. Aber im Vergleich zu den Abermilliarden, die dafür ausgegeben werden, so jämmerlich wenige. Der beste Film vorletztes Jahr, da wären wir uns sicher alle einig, war der "Joker". Toller Film. Das stimmt. Und dieses Jahr? Da wird es für mich schon dünn. "Dune" wahrscheinlich. Auch ziemlich gut. Aber die beiden Filme sind absolute Ausnahmen in dem Budget-Bereich. Nehmen wir sogar einen angeblich anspruchsvolleren Film wie "Tenet" vom vorletzten Jahr, um zu verdeutlichen, was seit vielen Jahren im Kino passiert. Der Regisseur, Christopher Nolan, wurde bekannt mit einem Meisterwerk. Mit "Memento". Ein schlichtweg restlos geniales Drehbuch gepaart mit einer im höchsten Maße kreativen Geschichte. Derselbe Mann auf dem Regiestuhl verkauft uns, zwei Jahrzehnte später, eine restlos undurchdachte Geschichte, bauend darauf, dass sich sein Publikum, das sich ja zu Recht als traditionell anspruchsvoll adressieren lässt, fragt, wie anspruchsvoll solch eine Story sein muss, wenn man ihr selbst als anspruchsvoller Kinogänger nicht mehr folgen kann. Nur... nur gibt es da inzwischen längst gar nichts mehr, dem man sinnvoll und nachvollziehbar einen Sinn abtrotzen könnte. Mit einem gewieften Stück im Sinne von "Memento" hat das ganze Zeittreiben überhaupt nichts mehr zu tun, das der Nolan da inszeniert. Sondern es ist nichts anderes als das, was der letzte Star Wars gemacht hat. Ein Feuerwerk abfackeln. Blendwerk zünden. Knallen, ballern, fabulieren und postulieren. Die Tatsache vernebeln, dass da inzwischen nichts mehr dahinter steckt. Keine Raffinesse. Keine zu Ende gedachten Ideen. Kein Köpfchen. Es geht mehr als je zuvor einzig und allein ums Geld. Die Kunst ist nebensächlich. Die Geschichte ist egal. Solange das Zeug Kohle abwirft. Klar, Spezialeffekte sind super, Soundkulisse noch nie so gehört - aber das bestätigt für mich nur meinen Standpunkt. Dieser besoffene Filmkritiker wählt in seiner Enttäuschung über das, was man heute versucht, der Masse vorzusetzen, einen Tonfall, den ich voll und ganz nachvollziehen kann. Denn es gibt an diesem knalligen, bunten Konfettiregen, der in den Kinos schneit, nichts schönzureden. Und ich ging früher gern ins Kino. Jahrzehnte lang. Beim Duke bin ich vorsichtig, aber ich war bestimmt multifach so oft im Kino wie Humppi. Nani kann ich da schwer einschätzen. Und mir tut es beinahe so weh wie der Verlust meiner Videothek, wenn ich sehe, was aus dem Kino geworden ist. Aus meinen Kinosonntagabenden. Angesichts der Scheiße, die heute fast ausschließlich im Kino läuft. Ich bin großer Filmfan, aber nicht Fanboy genug, das kritiklos oder auch nur schulterzuckend durchzuwinken. Und ich sehe es mir auch nicht mehr an. Dann doch viel, viel lieber kleinere Filme wie den "Enemy" gestern. Filme, die ihr Publikum nicht für blöd verkaufen. Die sich ein anderes Publikum suchen (und suchen müssen). Oder gleich Serien, auch wenn ich eigentlich Filme bevorzuge. Ich bin diesem Drunkencineasttypen dankbar dafür, dass er Millionen Viewern die heutigen Geschäftsideen der Filmriesen anschaulich aufdröselt. Jeder Schlag ein Nagel im Sarg des kontemporären Kinos. Und dann kommen doch irgendwann vielleicht wieder andere Zeiten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
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